Gemeindebund-Studie - Frau Bürgermeister als Seltenheit

Gemeindebund-Studie – Frau Bürgermeister als Seltenheit



Auch wenn die Zahl der Bürgermeisterinnen in Österreich stetig wächst, bleibt das Amt weiterhin männerdominiert. Nur zehn Prozent der insgesamt 2093 Bürgermeister sind Bürgermeisterinnen (2019 waren es etwa noch acht Prozent).

Die subjektive Seite dieses Ungleichgewichts leuchtet nun eine Studie aus, die die Politologin Kathrin Stainer-Hämmerle von der Fachhochschule in Villach für den Gemeindebund erarbeitet hat. Demnach musste ein knappes Drittel der 86 Bürgermeisterinnen, die an der Onlinebefragung teilgenommen haben, laut eigener Aussage dazu überredet werden, dieses Amt zu übernehmen. Bei den 232 männlichen Kollegen machten hingegen nur etwa 10 Prozent diese Angabe. Dazu passt auch, dass, nach einer Erklärung für den geringen Frauenanteil gefragt, gut 60 Prozent der Bürgermeisterinnen (aber bloß 30 Prozent der Männer) “mangelndes Selbstvertrauen der Frauen” als Grund angaben. Gut 70 Prozent der befragten Männer und fast 80 Prozent der Frauen sahen zudem die schwierige Vereinbarkeit von Amt und Familie als Grund.

“Nein, wir wollen zum Herrn Bürgermeister!”

Das kann auch Bürgermeister Erwin Eggenreich (SPÖ) aus der oststeirischen Stadt Weiz im Gespräch mit der “Wiener Zeitung” gut nachvollziehen: Eine der beiden Bürgermeisterinnen in seinem engeren regionalen Umfeld habe noch Schulkinder: “Das ist eine echte Herausforderung.” Mehr als die Hälfte der befragten Ortschefinnen (aber nur jeder dritte männliche Bürgermeister) sieht eine “männlich geprägte Parteikultur” und ein “traditionelles Frauenbild in der Bevölkerung” als Grund für den geringen Frauenanteil.

Die Erwartungshaltung, dass ein Bürgermeister in den Augen vieler Leute ein Mann sein muss, kennt Sonja Ottenbacher (ÖVP) auch aus ihrer persönlichen Erfahrung nur zu gut. Die 61-Jährige ist bereits seit 2004 Bürgermeisterin ihrer Heimatgemeinde Stuhlfelden im Salzburger Pinzgau und hat auch das jährlich in einer anderen österreichischen stattfindende Bürgermeisterinnentreffen initiiert: Anfangs seien die Leute ins Gemeindeamt gekommen und “haben gesagt, nein, wir wollen zum Herrn Bürgermeister! Sie haben es nicht glauben können, dass eine Frau Bürgermeister ist.”

Politikverdrossenheit, aber viele Gestaltungsmöglichkeiten

Neben der Geschlechterthematik waren jedoch auch die grundsätzlichen Herausforderungen im Bürgermeisteralltag Thema bei Stainer-Hämmerles Befragung: Vergleichsweise geschlechterunabhängig nannten die Befragten dabei am häufigsten “Politikverdrossenheit und fehlende Anerkennung” als Kritikpunkt an der politischen Kultur vor Ort, gefolgt von “Bürokratie und Zeitbedarf” sowie “Kommunalpolitische Wirkungsgrenzen und Unterfinanzierung”.

Bürgermeister Eggenreich kann dieses Ergebnis gut nachvollziehen, würde diese Punkte jedoch für seine Gemeinde umdrehen. Weiz stehe wirtschaftlich vergleichsweise gut da und auch die Politikverdrossenheit sei in der Kleinstadt geringer als anderswo. Dafür sei die Bürokratie ein riesiges Problem, insbesondere auch seit Beginn der Pandemie: “Ständig wechseln die Anforderungen von oben. Und vieles erfährt man zuerst aus der Presse.”

Ein Grund dafür, dass sich viele Bürgermeister diesen Job trotzdem antun, könnte sein, dass ihnen in der eigenen Gemeinde viel an politischer Gestaltungsfreiheit bleibt. Das und die abwechslungsreiche Tätigkeit gehört auch für Eggenreich zu den schönsten Seiten im Beruf. Das Bürgermeisteramt sei ein Job, bei dem man “vom Kanaldeckel bis zur Zukunftsgestaltung” für alles verantwortlich sei für ihn persönlich trotz aller Schwierigkeiten das schönste Amt, das die Politik zu bieten habe.


www.wienerzeitung.at

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