alt=

Krisen – Für immer im Kinderzimmer


Die Wäsche liegt gebügelt im Kasten, und der Kühlschrank ist voll: Bei den Eltern zu wohnen, kann ganz bequem sein. Ein warmes Essen gibt es oft auch noch am Tag. Was aber, wenn man erwachsen wird, sich auf eigene Beine stellen und endlich abnabeln möchte, es aber nicht kann? Wenn die steigenden Energiepreise, die im Februar laut Österreichischer Energieagentur um 27,4 Prozent höher als im Februar davor waren, und die Mieten einen eigenen Haushalt unmöglich und ein Ausziehen illusorisch machen? Die Hauptmieten inklusive Betriebskosten sind heute um 8,5 Prozent teurer als vor fünf Jahren, so die Statistik Austria. Dazu die Pandemie, in der man sich die meiste Zeit vor dem Coronavirus schützen und zuhause mit der Familie isolieren sollte.

Es gibt etliche Gründe, weshalb junge Menschen nicht aus dem Elternhaus ausziehen. In Österreich wird dies sogar finanziell gefördert. - © stock.adobe.com / Günter Menzl
Es gibt etliche Gründe, weshalb junge Menschen nicht aus dem Elternhaus ausziehen. In Österreich wird dies sogar finanziell gefördert. – © stock.adobe.com / Günter Menzl

Dann bleibt man weiterhin im Kinderzimmer. Selbst dann noch, wenn man weit über 18 Jahre alt und eigentlich längst kein Kind mehr ist. In den vergangenen Jahren hat sich der Anteil der über 18-Jährigen, die noch im Elternhaus wohnen, erhöht. Laut Statistik Austria lebten vor rund zehn Jahren etwa 60 Prozent der 20- bis 24-Jährigen bei den Eltern. Im Vorjahr waren es mehr als 63 Prozent. Zum Vergleich: 1971 waren es 42 Prozent.

Männer bleiben
länger im Elternhaus

- © adobe.stock / Daniela Stärk
© adobe.stock / Daniela Stärk

Selbst von den 25- bis 29-Jährigen lebten im Vorjahr noch 25 Prozent zuhause bei den Eltern. Es gibt auch einen Geschlechterunterschied: Bei den unter 25-Jährigen lebten 68,7 Prozent der Männer und 57,4 Prozent der Frauen im Elternhaushalt, bei den 25- bis 29-Jährigen ist der Unterschied zwischen Männern (32,1 Prozent) und Frauen (19,2 Prozent) noch deutlicher. Das durchschnittliche Alter, in dem Kinder ausziehen, liegt in Österreich mittlerweile bei 25,5 Jahren, so die Daten von Eurostat, dem statistischen Amt der Europäischen Union. “Die jetzige Situation ist eine typische Krise, und zwar gleich in mehrerer Hinsicht”, sagt die Entwicklungspsychologin Christiane Papastefanou. “Die Solidargemeinschaft ist daher wieder gefragt.”

Die Arbeitsplätze seien unsicher oder prekär, viele finden gar keinen Job. “Wie sollen sie sich da eine teure Wohnung leisten?” Sind deren Eltern selbst von Kurzarbeit betroffen, können sie ihre Kinder ebenfalls nicht mehr so gut finanziell unterstützen.

Einige junge Erwachsene haben auch während der Pandemie die Schule beendet und ein Studium begonnen – im Fernunterricht mit dadurch eingeschränktem Kontakt zu den anderen Studentinnen und Studenten. Eine Wohngemeinschaft mit Gleichgesinnten zu gründen oder überhaupt erst einen Freundeskreis aufzubauen, gestalte sich in dieser Situation schwierig. Aber auch, wer zum Beispiel bereits im Studentenwohnheim gewohnt hatte, musste dieses aufgrund der pandemiebedingten Schließung verlassen – und kehrte dann meist wieder zu den Eltern zurück, sagt Papastefanou zur “Wiener Zeitung”. Etwa jeder fünfte junge Erwachsene übersiedle nach dem Auszug erneut in sein Kinderzimmer.

Zudem werden die Ausbildungszeiten generell immer länger. Oder: Wer nach der einen Ausbildung keinen Job findet, beginnt die nächste. “Nur maximal ein Drittel sind Nesthocker im klassischen Sinn: die ausziehen könnten, es aber aus Bequemlichkeit nicht wollen”, meint Papastefanou. Bei den anderen sei vor allem das Finanzielle das Hauptproblem.

Warum deutlich mehr junge Männer als Frauen länger bei den Eltern bleiben, erklärt Papastefanou folgendermaßen: “Mädchen fühlen sich zuhause eher kontrolliert und wollen daher früher ausziehen.” Vergleicht man mit den 70er-Jahren, als nur rund 42 Prozent der 20- bis 24-Jährigen bei den Eltern lebten, so war dieses Entfliehen der häuslichen Kontrolle damals Teil der Jugendkultur. Man wollte unabhängig sein, rebellieren, es mit der eigenen Familie anders machen: Bekamen Frauen 1971 bereits mit durchschnittlich 27 Jahren ihr erstes Kind, so bekommen sie es heute laut Statistik Austria mit durchschnittlich 31 Jahren.

Mit Beginn der 80er-Jahre stieg das Auszugsalter der Kinder in den USA deutlich an – aufgrund der Verdrängung autoritärer Erziehungsstile und der voranschreitenden Bildungsexpansion, so Papastefanou. Verglichen mit Kroatien oder Italien, wo die Kinder heute laut Eurostat durchschnittlich 31 bis 33 Jahre alt sind, bis sie von ihren Eltern ausziehen, ist das “Hotel Mama” in Österreich noch weit weniger belegt. In Schweden oder Finnland wird es jedoch bereits mit durchschnittlich 17 bis 23 Jahren und in Deutschland, Frankreich und den Niederlanden mit durchschnittlich 23 bis 25 Jahren verlassen.

Festgefahrene Grundstruktur der Familienpolitik

Dieses Nord-Süd-Gefälle habe mit Kultur, finanziellen Aspekten sowie Familienpolitik zu tun, sagt Wirtschaftsforscherin Gudrun Biffl. Kroaten etwa leben traditionell häufiger zusammen mit Eltern und Großeltern unter einem Dach, und in Italien sind Mietwohnungen besonders rar und teuer. In den Niederlanden wiederum seien Erwachsene verpflichtet, ihre Kinder nur bis Vollendung des 18. Lebensjahres altersadäquat zu finanzieren, sagt Biffl. “Danach geht diese Verantwortung auf den Jugendlichen selbst über.”

Und in Österreich? “Hier gibt es folgende Inkonsistenz: Jugendliche können zwar mit 16 wählen, durch steuerliche Begünstigungen und die Familienbeihilfe, die Eltern für Kinder in Ausbildung bis zum 25. Geburtstag erhalten, bleiben sie aber weiterhin vom Elternhaus abhängig.” An dieser Grundstruktur der Familienpolitik habe sich seit Jahrzehnten nichts geändert. Um die Zahl der Nesthocker zu reduzieren, müsste die Familienpolitik von Grund auf geändert werden. Sämtliche Beihilfen und Förderungen sollten laut Biffl auch in Österreich direkt an den Jugendlichen ausgezahlt werden. “Und wer dann noch zuhause lebt, könnte seinen Eltern sogar Geld dafür geben.” Um Lösungswege zu finden, müsse verstärkt Jugendforschung betrieben werden, “und zwar auf Bundes- und nicht wie bisher auf Landesebene”. Zu wenig Gelder fließen in diese, beklagt Forscherin Biffl.

In Krisenzeiten wie diesen biete die Familie freilich einen wichtigen finanziellen und vor allem auch emotionalen Rückhalt. Beide Seiten laufen jedoch Gefahr, typischen Eltern-Kind-Mustern verhaftet zu bleiben, die nicht altersangemessen sind, sagt Papastefanou. Die Fragen “Wo gehst du hin?” oder “Mit wem triffst du dich?” rutschen Müttern oder Vätern oft unbewusst über die Lippen. Ganz ungeachtet dessen, wie alt das Kind eigentlich schon ist.


www.wienerzeitung.at

Related Posts

Leave a Reply

Your email address will not be published.