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Gesundheitspolitik – “Wir müssen von der Reparatur- zur Vorsorgemedizin”


“Gäbe es die Pandemie nicht, hätten wir den digitalen Impfpass bis heute nicht”, sagte Hans Jörg Schelling, ehrenamtlicher Präsident des Praevenire Gesundheitsforums, am Donnerstag. Schon vor mehr als zehn Jahren habe man diesen entwickelt – seine Befürchtung sei nun, dass mit Ende der Pandemie auch digitale Werkzeuge wie der digitale Impfpass oder das elektronische Rezept wieder verschwinden, so der Ex-Finanzminister. Das sei aber genau der falsche Weg. Vielmehr sollte man aus der Vergangenheit lernen und die Zukunft gestalten. Umgelegt auf die Gesundheit bedeute das: Man müsse weg von der bestmöglichen hin zur maßgeschneiderten und optimalen Präzisionsmedizin für jeden Einzelnen. “Wir müssen von der Reparatur- zur Vorsorgemedizin kommen.”

Die digitale Vernetzung von Gesundheitsdaten, unter anderem auch durch die Weiterentwicklung der elektronischen Gesundheitsakte Elga, sei nur einer von vielen Schritten dorthin. Das Praevenire Gesundheitsforum, ein gemeinnütziger Verein mit wissenschaftlicher Begleitung, hat daher 87 Forderungen an die Politik formuliert und am Donnerstag vorgestellt. Nicht zuletzt deshalb, “weil sonst allein durch die Tatsache, dass die Bevölkerung immer älter wird, die Gesundheitskosten immer weiter steigen werden”, sagte Schelling.

Wohnortnahe Versorgung

Mehr als 800 Expertinnen und Experten aus unterschiedlichen Disziplinen der Gesundheitsversorgung seien in die Forderungen eingebunden gewesen. Ein weiterer zentraler Punkt neben der Verfolgung digitaler Strategien ist das Forcieren der wohnortnahen Versorgung anstatt einer Zentrumsmedizin. In anderen Worten: Es brauche mehr Primärversorgungseinheiten (PVE). In diesen arbeitet ein Team aus Allgemeinmedizinern, Fachärzten diverser Richtungen, Pflegekräften und anderen Gesundheitsberufen zu patientenfreundlichen Öffnungszeiten flexibel und intensiv zusammen.

Im Moment hinkt die Umsetzung der PVE dem Plan allerdings massiv hinterher. Von 2015 bis 2021 sollten insgesamt 75 von diesen eröffnet werden. Aktuell sind es laut dem Dachverband der Sozialversicherungsträger allerdings erst 36. Vor allem der Westen Österreichs ist diesbezüglich benachteiligt. Das Primärversorgungsgesetz wurde 2017 beschlossen, seit 2015 liefen zwei Pilotprojekte in Wien-Mariahilf und Enns. Seit heuer stehen Förderungen für die Gründung von PVE innerhalb des EU-Aufbaufonds zur Verfügung.

Doch selbst eine wohnortnahe Versorgung kann nur dann präventiv wirken, wenn sie auch genutzt wird. Und das steht und fällt mit der Gesundheitskompetenz. Das Praevenire Gesundheitsforum fordert daher auch, dass der Mutter-Kind-Pass auf einen Präventionspass, wie es diesen nennt, ausgeweitet wird. Dieser soll das Kind bis zu seinem 18. Geburtstag begleiten. Wer sich aktiv um die Gesundheit seines Kindes kümmert, soll mehr Kinderbetreuungsgeld erhalten. Zudem soll damit ein bewegungszentrierter Lebensstil unterstützt werden, heißt es. Aktuell sind die im Mutter-Kind-Pass gelisteten Untersuchungen an den Erhalt von Sozialleistungen für Kinder bis etwa fünf Jahre geknüpft.

Finanziert aus zwei Töpfen

Was die Finanzierung des Gesundheitssystems in seiner Gesamtheit betrifft, so tritt das Praevenire Gesundheitsforum für eine “Zwei-Topf-Strategie” ein: Aus dem einen Topf soll der rein intramurale Bereich, unter den zum Beispiel Spitäler fallen, und aus dem zweiten der extramurale Bereich inklusive der gesamten ambulanten Versorgung finanziert werden. Die momentanen Finanzierungsstränge sind verwoben – die wesentlichen Finanziers sind die Sozialversicherungen, die Länder und der Bund.

Die insgesamt 87 Forderungen aus dem sogenannten Praevenire Weißbuch “Gesundheitsstrategie 2030” sind bereits die dritten ihrer Art. Die Vorgänger 2019 und 2020 waren unter anderen dem Gesundheitsminister und dem Vorsitzenden der Landeshauptleutekonferenz vorgelegt worden. Auch mit der aktuellen Version, so Schelling zur “Wiener Zeitung”, werde man dies in den nächsten Tagen tun.


www.wienerzeitung.at

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